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Der Computer lebt!
Von Timo Lüge
Was Tom Ray macht erscheint auf den ersten Blick verrückt: Der in Japan ansässige Biologe versucht Computern beizubringen, Fehler zu machen. Dadurch hofft er den Bits und Bytes Leben einzuhauchen.
Wobei "einhauchen" schon wieder mißverständlich ist. Denn genau genommen schaut Ray den bits nur dabei zu, wie sie sich selbst fortentwickeln. "Tierra", spanisch für "Erde", heißt sein Experiment in dem er seit nunmehr acht Jahren versucht Software zu züchten.
Angefangen hat alles mit einem winzigen 80byte langen Programm, das er in eine digital Ursuppe entließ. Mit nichts anderem ausgestattet als dem Bedürfnis sich zu vermehren - und der Fähigkeit beim Kopieren Fehler zu machen. Ab und zu werden zufällig ein paar einsen und nullen verdreht. Kurz gesagt - die Programme mutierten.
Da der Raum innerhalb von Tierra begrenzt ist setzte bald ein Verdrängungsmechanismus ein und es entwickelten sich sowohl Parasiten als auch Programme, die gegen die Parasiten immun waren. Selbst "Sex" erfanden die Programme: Einige begannen sich mit Hilfe anderer Programme zu kopieren und mischten dabei ihren Code.
Rays Ziel ist es eine neue Art von Software zu schaffen: Statt von Menschen programmiert zu sein, soll sie selbständig evolvieren und Aufgaben bewältigen, die wir uns noch nicht vorstellen können. Zwar wird niemandem "Word" auf der Festplatte wachsen, aber die Programme könnten zum Beispiel dazu eingesetzt werden Speicherplatz besser auszunutzen.
Doch damit das klappt, fehlt Tierra bisher noch ein entscheidender Faktor; die richtige Umgebung um möglichst große Vielfalt und damit Komplexität zu erzeugen. Ray möchte das dadurch erreichen, daß er jedem Internetnutzer anbietet Tierra auf seinem Rechner zu installieren. Die verschiedenen Tierra-Welten sollen miteinander verbunden sein und deren Bewohner sollen festellen können, wenn in einem anderen Teil des virtuellen Dschungels gerade Ressourcen frei sind. Dann würden sich die Programme dorthin bewegen, wo ihre Lebensbedingungen am besten sind. Da Tierra lediglich im Hintergrund arbeitet und nur überschüssige Rechenkapazität nutzt ist abzusehen, daß die "Lebewesen" mit der Nacht um den Globus reisen würden, immer dahin, wo gerade nicht gearbeitet wird.
Wer nun Angst hat, daß im Internet wildgewordene Nullen und Einsen durch die Leitungen rauschen, den möchte Ray und eine Reihe Sicherheitsexperten beruhigen. Der Code der Programme hat nur innerhalb der Parameter der virtuellen Ursuppe "Tierra" Bedeutung. Außerhalb dieses Rahmens könnten sie nicht existieren.
Tierra:
www.hip.atr.co.jp/~ray/tierra/tierra.html
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