Multimedia/Internet/Musik/
-- Von Timo Lüge --
München (ddp). Drei Buchstaben lehren die Musikkonzerne das Fürchten: «MP3». Hinter der Abkürzung verbirgt sich eine Technologie mit der Musik leicht kopiert, über das Internet verteilt und auf CD-ROM gepresst werden kann. Der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft (http://www.ifpi.de) schätzt, dass den Musik-Konzernen 1999 allein an Lizenzrechten rund 140 Millionen Mark verloren gegangen sind.
Nun schlagen die Musikkonzerne zurück: Die Bertelsmann Music Group (BMG) brachte vor einigen Tagen die ersten Musik-CDs auf den Markt, die über einen Kopierschutz verfügen. Laut Bertelsmann können sie mit einem CD-ROM-Laufwerk zwar noch abgespielt, aber mit einem CD-Brenner nicht mehr kopiert werden. Getestet wurde der sogenannte «Cactus Data Shield» auf dem Album «Razorblade Romance» der finnischen Band «HIM» (http://www.heartagram.com). In der Praxis funktioniert das allerdings noch nicht richtig. Zum einen kann die CD nicht auf allen CD-Spielern angehört werden. Zum anderen ist der Kopierschutz leicht zu überlisten. Den Redakteuren des Internet-Informationsdienstes «tecChannel» gelang es ohne größere Probleme, die CD zu kopieren (http://www.tecChannel.de/multimedia/261).
Auch auf anderer Front machen die Plattenkonzerne mobil. So beschäftigt der Verband der internationalen Phono-Industrie (IFPI) in über siebzig Ländern Ermittler, die Internet-Piraten verfolgen. Das sagte Clemens Rasch, der Justiziar der deutschen IFPI-Vertretung in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur ddp. Sobald ein Ermittler eine illegale MP3-Seite entdeckt, wird der technische Betreiber (Provider) angeschrieben und das Angebot dann normalerweise innerhalb von 24 Stunden geschlossen. Mit Hilfe des Staatsanwaltes kommt die Industrie außerdem an die Adressen der Musik-Piraten. Zu den bekanntesten Gerichtsverfahren gehören zurzeit die Prozesse gegen MP3.com und Napster.com.
Bei MP3.com handelt es sich um ein Angebot, auf dem jeder Nutzer Musikstücke von seinen eigenen CDs speichern kann. Diese Stücke dürfen nur von ihm selbst angehört werden. Laut MP3-Gründer Michael Robertson ist das legale Vervielfältigung zum privaten Nutzen (siehe Infokasten). Die Plattenindustrie sieht das anders.
Die Betreiber des Angebots Napster.com hingegen verfolgen eine Politik des Wegsehens. Sie haben eine Software entwickelt, mit der MP3-Dateien einfacher als jemals zuvor weltweit ausgetauscht werden können. Allerdings weist das Programm den Nutzer vor jedem Gebrauch darauf hin, dass nur legale Musik ausgetauscht werden darf. Die Nutzer kümmert das wenig. Laut Cary Sherman, dem Vorsitzenden des Interessenverbands der US-Plattenindustrie (RIAA) haben Anwender des Programms Zugriff auf Millionen von Raubkopien. Ron Stone, der unter anderem Tracy Chapman repräsentiert, soll nach Angaben der RIAA gesagt haben: «Dies ist das hinterhältigste Web-Angebot, dass ich je gesehen habe. Es ist wie ein Einbruchswerkzeug».
Dennoch, sagt IFPI-Justiziar Rasch, verfolgt die Industrie lediglich die Anbieter von gestohlenen Musik-Stücken. Die Nutzer gingen straffrei aus - obwohl bereits der Besitz von Raubkopien strafbar ist.
Neben den offiziellen Ermittlern der IFPI machen sich außerdem private Kopfgeldjäger auf die Suche. In England will zum Beispiel der «CCS» - «Copyright Control Service» (http://www.copyrightcontrol.com) bereits über 5.000 MP3-Angebote gefunden und geschlossen haben. Dafür kassiert die Firma nach eigenen Angaben ein Honorar von der Plattenindustrie.
Wie populär das neue Musikformat ist zeigt eine Statistik der Internet-Suchmaschine «Lycos» (http://www.lycos.com): Während früher «Sex» der am häufigsten gesuchte Begriff war, ist es in manchen Monaten inzwischen «MP3».
Mehr Informationen:
Internationaler Verband der Musikindustrie:
http://www.ifpi.com
Offener Brief der US-Plattenindustrie an MP3.com:
http://www.mp3.com/response2.html
Offener Brief des MP3.com-Gründers Michael Robertson an die Plattenindustrie:
http://www.mp3.com/response.html
Pressemitteilung der US-Plattenindustrie zum Verfahren gegen
Napster.com:
http://www.riaa.com/piracy/press/120799.htm
