Entertainment/Film/Raus aus Åmål/
-- Von Timo Lüge --=
München (ddp). Agnes ist verzweifelt, denn sie ist zum ersten Mal so richtig verliebt. Doch ihre Liebe ist unerreichbar: Ihr Schwarm ist hübsch, cool und vor allem - ebenfalls ein Mädchen. Und das ist in einer biederen Kleinstadt wie dem schwedischen Åmål unmöglich. «Raus aus Åmål» handelt davon, wie weh es tut, erwachsen zu werden. Ein Jugendfilm - auch für Erwachsene.
Der Inhalt: Das kleine Nest Åmål liegt mitten in Schweden und ist so weit von der nächsten Großstadt entfernt, dass coole Trends in Stockholm und Göteborg schon lange «out» sind, wenn sie endlich nach Åmål kommen. In dieser Kleinstadt-Tristesse leben die 14jährige Elin (Alexandra Dahlstöm), und die 16jährige Agnes (Rebecca Liljeberg). Während Elin beliebt ist, die richtigen Freunde hat und sich offenbar durch nichts verunsichern läßt, ist Agnes unscheinbar, unverstanden, still - und in Elin verliebt. Doch Elin ist unerreichbar und knutscht jede Woche mit einem anderen Jungen. Aber nach einer katastrophalen Geburtstagsfeier, bei der Elin Agnes küsst, weil sie mit ihrer Schwester um fünf Mark gewettet hat, passiert etwas: Elin entschuldigt sich bei Agnes und die beiden Mädchen kommen sich näher. Und plötzlich gibt es doch etwas, das die selbstbewusste Elin verunsichert: Denn auch sie entwickelt Gefühle für Agnes. Doch das darf nicht sein, denn das ist nicht «normal». Und was nicht sein darf, kann auch nicht sein - schon gar nicht in so einem Kaff wie Åmål.
Die Kritik: Wer schon erwachsen ist und «Raus aus Åmål» sieht, erinnert sich schlagartig, wie es ist, 15 oder 16 Jahre alt zu sein - und dass das Teenager-Dasein alles andere ist als eitel Sonnenschein. Wie es ist, zum ersten Mal zu merken, dass alle Jungs doof und alle Mädchen viel zu kompliziert sind. Dass die Mitschüler ungeheuer grausam sein können und selbst die verständnisvollsten Eltern nicht begreifen können, wie es in einem aussieht. Dass Liebe und Sexualität ungeheuer kompliziert sind und man sich so bedingungslos und hoffnungslos verlieben kann, dass das Herz zu springen droht und scheinbar nur der Rasierklingen-Schnitt in die Arterie den Schmerz lindern kann. Und wer selbst noch in dem Alter ist, der sieht vielleicht, dass er oder sie nicht allein ist mit dem Schmerz, der Verwirrung und allen anderen neuen Gefühlen.
«Raus aus Åmål» ist intensiv, unmittelbar und schnörkellos. Kein perfekt inszenierter Millionen-Dollar-Film, wo das Licht immer stimmt und die Kamera nie wackelt, sondern mit wenigen Mitteln umgesetzt. Kein Wunder: Es ist der erste Spielfilm des 30-jährigen schwedischen Dichters Lukas Moodyson und die Finanzierung stammte größtenteils von der schwedischen und dänischen Filmförderung. Ähnlich wie schon bei den dänischen Dogma-Filmen des Lars von Trier hat das Nicht-Perfekte seinen besonderen Charme: vieles wirkt dadurch realistischer und fast dokumentarisch. Gut besetzt sind auch die Schauspieler. Mit Ausnahme der beiden Hauptdarstellerinnen hatte niemand vorher Kamera-Erfahrung. Doch da die Akteurinnen selbst noch jung sind, wirken ihre Rollen echt und nicht gespielt.«Raus aus Åmål» war in Skandinavien einer der erfolgreichsten Filme der letzten Jahre. Jeder zehnte Schwede, Norweger und Finne kaufte ein Ticket. Ein außergewöhnlicher Erfolg, der um so ungewöhnlicher erscheint, wenn man bedenkt, dass es sich dabei eigentlich um einen Jugendfilm handelt. Aber eben um einen Jugendfilm, von dem man in jedem Alter etwas hat.
260000 Nov 99
