Multimedia/Internet/Sicherheit/FEA/
-- Von ddp-Korrespondent Timo Lüge --=
München (ddp). Wenn im Zusammenhang mit dem Internet von Zensur gesprochen wird, scheiden sich die Geister: Auf der einen Seite wollen die Nutzer nicht, dass Diktaturen unliebsame Meinungen unterbinden oder löschen können. Auf der anderen Seite möchte die meisten aber auch nicht, dass zum Beispiel Neo-Nazis ihre Parolen ungehindert verbreiten.
Ein neues System, das in den Forschungslabors des amerikanischen Telekommunikations-Konzerns AT&T (http://www.research.att.com) entwickelt wurde, könnte diese Grundsatzdiskussion anheizen. «Publius» verspricht jedem, der im Internet etwas veröffentlichen will, dass seine Dokumente von Dritten nicht gelöscht oder verändert werden können. Gleichzeitig schützt das System aber auch die Besitzer der Internet-Server vor Strafverfolgung, weil sie mit Publius behaupten können, von den Inhalten auf ihren eigenen Servern nichts zu wissen.
Und so funktioniert Publius:
Dateien werden durch die Publius-Software verschlüsselt und auf verschiedene Rechner im Internet kopiert. Gleichzeitig wird der Schlüssel zerteilt und ebenfalls auf unterschiedlichen Rechnern deponiert. Wenn jemand einen Text lesen will, sucht Publius die Puzzleteile zusammen und zeigt den Text wie gewohnt im Internet-Browser an. Zum Lesen der Texte muss entweder die spezielle Publius-Software installiert werden oder ein Publius-Server im Browser als Zwischenspeichers (Proxy) definiert sein. Bei der Veröffentlichung einer Internet-Seite kann der Verfassers auch entscheiden, ob die Inhalte für jeden Publius-Nutzer sichtbar sein sollen oder nur für einige. Auch der Betreiber eines Internet-Servers weiß so unter Umständen nicht, was für Dateien auf seinem Rechner liegen.
Dieser Punkt macht Publius nach Meinung seiner Kritiker vor allem auch für Kriminelle interessant. Auch Avi Rubin, einer der Erfinder des Systems, gibt zu, dass so etwa pornografische oder rassistische Inhalte existieren könnten, ohne dass es eine Möglichkeit gebe diese vom Netz zu nehmen. «Aber Redefreiheit ist nicht gegeben, wenn es sie nur in den Fällen gilt, wo ohnehin alle einer Meinung sind», erläutert Rubin seine Einstellung zu diesem Problem in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur ddp. Er hofft mit dem System Menschen die Möglichkeit zu geben, sich auszudrücken, ohne dass ihre Meinung zensiert werden kann. Als Beispiel nennen Rubin und seine Kollegen die Scientology-Organisation. Diese versuche seit 1994 im Internet die Verbreitung von Dokumenten zu unterbinden, die sich mit der Organisation kritisch auseinander setzen. 1995 zum Beispiel habe Scientology erreicht, dass der Betreiber eines finnischen Dienstes zur Anonymisierung von Internet-Nachrichten die Identität von Scientology-Kritikern offen legen musste.
Da die Inhalte bei Publius verschlüsselt werden, können aber auch die Betreiber der Server, auf denen die Dateien liegen, sie unter Umständen nicht lesen. Und da in den meisten Ländern Server-Betreiber nur für Seiten verantwortlich gemacht werden, von denen sie wissen können, droht ihnen auch keine Strafverfolgung.
Auch Datenschützer stehen bei einer Technologie wie Publius vor einem Konflikt. «Vom System her müsste es jedem möglich sein, sich gegen Informationen zu wehren, die über ihn im Internet stehen und eventuell falsch sind», sagt Helmut Bäumler, Datenschutzbeauftragter von Schleswig-Holstein (http://www.schleswig-holstein.datenschutz.de). In einem Rechtsstaat müsse man den Autor eines Textes zur Verantwortung ziehen können. Andererseits würde aber auch er sich wünschen, dass zum Beispiel chinesische Dissidenten von dem in Deutschland selbstverständlichen Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch machen könnten ohne dass die Regierung das verhindern könne.
Mehr Informationen:
AT&T Labs:
http://www.research.att.com
Dokumentation zu Publius:
http://cs1.cs.nyu.edu/waldman/publius
Wired über die Internet-Aktivitäten von Scientology:
http://www.wired.com/wired/archive/3.12/alt.scientology.war_pr.html
