Im Internet treffen Wahrheit, Dichtung, Ignoranz und Wunschvorstellungen aufeinander. Das Resultat: Ein Wirrwarr aus wahren und erlogenen Geschichten in dem kaum noch jemand durchblickt.
Es stand in der BILD-Zeitung - ein Funkprotokoll der US-Marine:
Die Geschichte hat nur einen Nachteil: Sie ist nicht wahr, ist eine Zeitungsente, oder besser gesagt eine moderne Legende und kursiert seit langem im Internet. Moderne Legenden gibt es schon lange. Zu den bekanntesten gehören:
- Der rachsüchtige Ehemann, der ein fremdes Auto vor seiner Haustür mit Beton füllte da er dachte seine Frau würde ihn betrügen. Und dann feststellte, daß der Wagen ein Geschenk für ihn sein sollte.
- Die Großmutter, die im Urlaub stirbt und um Kosten und Ärger zu sparen, im Kofferraum transportiert wird. Das Auto wird dann gestohlen.
- Der Urlauber, der in einer Badewanne voller Eis aufwacht, und eine Zettel vor sich sieht auf dem steht, man hätte ihm eine Niere entfernt. Ein Telefon und die Nummer des Rettungsdienstes liegen neben der Wanne.
- Die Palme, die man aus dem Urlaub mitnimmt und aus der Wochen später unzählige Spinnen krabbeln.
Die meisten Geschichten haben eins gemeinsam. Sie sind immer dem Freund einer Freundin passiert und "garantiert wahr". Durch das Internet können solche Modernen Legenden noch viel schneller und einfacherer verbreitet werden. Und an die Stelle des Freundes der Freundin, als Quelle der Glaubwürdigkeit, treten Medien, Firmen wie Microsoft oder IBM, oder Talkshows. Oder eben das Militär.
So warnen seit Jahren immer wieder E-Mails vor dem "Good-Times"-Virus und beziehen sich darauf auf bekannte Computerfirmen. Der Virus wird angeblich dadurch übertragen, daß man eine E-Mail mit dem Betreff "Good Times" (oder "Win a holiday" oder "AOL4FREE" oder "Penpal greetings" etc.) öffnet. Dann, so die Mail, formatiert der Virus die Festplatte oder macht andere, schreckliche Sachen. Alles Blödsinn! Fakt ist: Durch eine E-Mail kann kein Virus übertragen werden. E-Mails sind ist lediglich Text und beinhalten keinen Code, der irgend etwas anrichten könnte. Das ist ungefähr so, als wenn jemand behaupten würde, Sie könnte sich dadurch, daß Sie eine Zeitung kaufen AIDS holen.
Das gilt allerdings nur, solange keine Dateien an die Mail angehängt sind. Doch selbst dann, könnte der Virus erst aktiv werden, wenn die angehängte Datei geöffnet wird. Nicht durch das Herunterladen der Mail oder Lesen ihres Text-Teils.
Auch soll Microsoft angeblich die katholische Kirche gekauft haben und der Papst Vizepräsident werden (http://www.annoyances.org/win95/humor7.html). Heutzutage ist diese Geschichte fast nur noch auf irgendwelchen Witz-Seiten zu finden. Aber: Als die, im Stil einer Nachrichtenagentur geschriebene Meldung das erste Mal die Runde machte, drohten in Amerika Vertreter anderer Glaubensgemeinschaften damit, keine Programme des Softwareriesen mehr einzusetzen. Eine andere Legende ist, daß es bei Nike kostenlos alte gegen neue Turnschuhe austauscht (siehe: http://www.nikebiz.com/media/media_nj.html?n_hoax.html), oder daß die Amerikanische Krebsgesselschaft eine Spende für jede weitergeleitete Mail bekommt (http://www.cancer.org/chain.html).
Der König aller Legenden ist jedoch die Geschichte von Craig Shergold (alias Craig Sherwood, Craig Sherford, etc.), die sogar größtenteils wahr, nur etwas überholt ist: Angeblich stirbt der Junge an Krebs und möchte vor seinen Ableben noch mit der größten Sammlung von Visitenkarten in Guinness Buch der Rekorde eingehen. Das war 1989 und sein Wunsch wurde 1990 erfüllt als er ingesamt 16 Millionen Karten vorweisen konnte. Kurz darauf wurde ein amerikanischer Millionär auf Craigs Schicksal aufmerksam, bezahlte eine Gehirnoperation, der Tumor wurde entfernt und der Junge geheilt. Doch der Brief ist nicht zu stoppen; mittlerweile sind über 250 Millionen Karten eingetroffen, Craig ist 19 Jahre alt und möchte wirklich keine Visitenkarten mehr bekommen. In diesem Fall wurde durch die Verbreitung einer Geschichte zwar jemandem wirklich geholfen und die Flut an Visitenkarten ein im Vergleich lächerliches Übel. Doch vor ein paar Jahren wurde die Geschichte etwas modifiziert, so daß die Karten angeblich an die Make-a-Wish Foundation geschickt werden sollten, die sich dem Ziel verschrieben hat, strebenden Kindern letzte Wünsche zu erfüllen. Seitdem hat die Gesellschaft Millionen und Abermillionen Karten erhalten und war gezwungen diese Legende sowohl im Internet (http://www.wish.org/craig.htm) als auch in mehreren zehntausend Anrufen zu bekämpfen. Das alles kostet Make-A-Wish eine nicht unerheblich Menge Geld, das eigentlich an anderer Stelle gebraucht würde.
Aber auch für den, der ein Gerücht weiterleitet kann es gefährlich werden. So hat die Firma Procter & Gamble (P&G) seit Jahren mit einem Gerücht zu kämpfen: Angeblich hat der Vorsitzende der Firma in der amerikanische Talkshow "Phil Donahue" erklärt, P&G würde Geld an die Kirche Satans zahlen. In Wirklichkeit war der Vorsitzende nie in der Talkshow und die Firma verklagt jeden, der das Gerücht weiterverbreitet wegen Geschäftsschädigung! Seinen Ursprung hat das Gerücht in dem alten Firmenlogo: einem Mond mit dreizehn Sternen (http://www.pg.com/rumor/). "Die symbolisieren die damals noch dreizehn amerikanischen Kolonien. Außerdem konnten zu dieser Zeit viele Leute noch nicht lesen. Aber an der Logo konnten sie erkennen, daß sich in diese Kiste Kerzen von Procter and Gamble befanden", erklärt Pressesprecherin Christel Karesch. Und räumt ein, daß der vor einigen Jahren vollzogene Wechsel des Firmenlogos unter anderem auf dieses Gerücht zurückzuführen sei. Auch in Deutschland taucht das Gerücht ab und zu auf, erklärt Karesch, wobei die meisten Anfragen kamen, nachdem das Schweizer Katholische Sonntagsblatt vor einigen Jahren die Geschichte abdruckte.
Selbst Informationsprofis fallen also auf diese Geschichten rein. So druckte zum Beispiel die renommierte Süddeutsche Zeitung vor einiger Zeit eine Warnung vor einem E-Mailvirus ab. Und selbst ein Angestellter von Microsoft fiel einmal auf eine solche Viruswarnung rein und leitete sie weiter. So wurde zumindest diese Nachricht zur selbsterfüllenden Prophezeiung, da es im Wortlaut der Nachricht heißt, sie stamme von Microsoft. Die Bereitschaft vieler Menschen, selbst die abstrusesten Geschichten zu glauben, wenn sie per E-Mail eintrudeln oder auf einer Web-Seite stehen erklärt der schwedische Medienexperte Peter Dahlgreen: "Wenn eine Information auf dem Bildschirm erscheint, hat sie eine sehr überzeugende Aura. Sie vermittelt uns das Gefühl, daß es sich um eine unabhängige, unpersönliche Wahrheit handelt; es erscheint schwer ihr etwas entgegenzusetzen." Hinzu kommt, daß solche Geschichten oft nur so weit übertreiben, daß es gerade noch möglich scheint. Sie nutzen Vorurteile, Schadenfreude oder Unwissenheit aus, um den Schritt aus der Realität in das Reich der Phantasie zu verstecken.
Einen der vermutlich erfolgreichsten Coups in Sachen falscher Glaubwürdigkeit landete die schwedische Webagentur "Komintern" (http://www.komintern.se). Per E-Mail und auf einer professionell gestalteten Internetseite verbreitete sie vergangenes Jahr das Gerücht, Pol-Pot habe in Schweden Asyl bekommen (siehe Kasten). Die Nachricht lief sogar über die Nachrichtenagentur Reuters und sorgte bei schwedischen Zeitungen und im schwedischen, sowie amerikanischen Außenministerium für riesige Aufregung.
Die Hamburger Morgenpost (http://www.mopo.de) schließlich beglückte die deutsche Medienlandschaft mit folgender Ente:
Angeblich stahlen im letzten Jahr Angehörige der russischen Streitkräfte Kühe und transportierten sie mit einem Flugzeug ab. Während der Fluges gerieten die Kühe außer Kontrolle. Um einem Absturz zu vermeiden, sah sich die Besatzung gezwungen, die Tiere über Bord zu werfen. Eine Kuh traf ein japanische Fischerboot und versenkte es... Zeitungen in ganz Deutschland druckten die kuriose Geschichte nach, bis sich wenig später herausstellte, daß die Quelle der Kuh-Story, eine Depesche der Russischen Botschaft, frei erfunden war.
Die Absurdität vieler Geschichten hat mittlerweile zu zahlreichen Karikaturen geführt.
So warnt seit kurzem eine E-Mail vor dem "Bad Times Virus" (http://www.kirche-muelheim.de/homepages/rpr/bad_times.htm). Dieser soll nicht nur die Festplatte formatieren, sondern auch alle Disketten in der Wohnung, das Bier austrinken, Sie dazu zwingen sich in einen Pinguin zu verlieben und Ihre Großmutter verführen.
Und als ob nicht schon alles kompliziert genug sei, erreichte uns noch folgene Nachricht:
Angeblich will eine gewisse Mrs. Osberg, die an einer Grundschule in Utah unterrichtet, ihren Schülern zeigen, wieviel eine Million ist. Nicht Mark oder Dollar, sondern Coladosen-Verschlüsse! Wir haben die Grundschule angerufen, und - es stimmt! Es handelt sich dabei um ein Mathematik-Projekt und alle Verschlüsse sollen recyclet und der erlös einem Kinderkrankenhaus gespendet werden. Die Schule bittet sogar ausdrücklich, darum diesen Aufruf zu publizieren, da sie bis heute gerade einmal 30.000 gesammelt haben. Die Adresse der Schule lautet:
Mrs. Osbergs Fourth Grade Class
Meadowlark Elementary
497 Morton Drive
Salt Lake City, UT 84116
USA
Wahrscheinlich hat Mrs. Osberg noch nie von Craig Shergold gehört...
Im Juli 1997 ging eine Meldung über den Ticker der Nachrichtenagentur Reuters, die alsbald für helle Aufregung sorgte: "Pol Pot hat in Schweden politisches Asyl bekommen" hieß es mit Verweis auf die Webseite der Nachrichtenagentur ITAR-TASS. Doch hinter (
http://www.tass.net) steckte in Wahrheit die kleine Stockholmer Webagentur Komintern (
http://www.komintern.se), das ganze ein Gag. Com! sprach mit dem Autor des Spaßes, Oskar Swartz (38), Gründer von Komintern.
Was ist damals genau passiert?
Wir hatten diese Idee zu versuchen, ob wir unsere Kenntnisse des Mediums dazu benutzen könnten eine Geschichte zu lancieren. Niemand wußte zu diesem Zeitpunkt wo Pol Pot war und da schrieb ich einen Artikel darüber, daß Pol Pot in Schweden politisches Asyl bekommen hätte. Darin verwendete ich viele wahre Details aus der schwedischen Außenpolitik. Dann organisierten wir einen Schauspieler asiatischer Abstammung, eine Uniform, Video und Foto-kameras, fuhren raus nach Arlanda [dem Stockholmer Flughafen] und nahmen alles auf. Unsere Techniker machten dann das Webdesign. Die Domain TASS.net hatten wir bereits vorher angemeldet ohne wirklich Verwendung dafür zu haben. Das Ganze dauerte vier Tagen.
Wie brachten Sie die Geschichte an die Medien?
Ausschließlich per E-Mail. Wir hatten eine Reihe von Faxen geplant aber da war Reuters schneller. Die hatten es bereits über den Ticker geschickt und im schwedischen Außenministerium war ziemlich was los, denn bei denen riefen alle Medien an. Und ITAR-TASS dementierte natürlich, daß die Nachricht von ihnen stammt..
Wann haben Sie davon erfahren, daß ihr Gag über Reuters lief?
Eine schwedische Tageszeitung spürte uns schließlich auf. Wir hatten auch nicht wirklich versucht, unsere Identität geheim zu halten. Daß es über Reuters lief fanden wir total toll.
Warum haben Sie es getan?
Es war ein Spaß, eine verrückte Idee. Wir wollten einfach schauen was passieren würde.
Eines der Charakteristika des Internets ist, daß jeder publizieren kann was er will, ohne großen Aufwand. Aber das was man findet, muß nicht unbedingt "gute" Information sein. So gibt es Websites mit Produktbesprechung, die scheinbar unabhängig sind aber in Wirklichkeit vom Hersteller kommen.
Was halten Sie von anderen modernen Legenden, die im Netz kursieren?
Die gibt es doch schon viel länger als das Internet. Die Geschichte über Procter & Gamble und die Kirche Satans hab ich zum ersten Mal 1984 gehört. Durchs Internet ist aber vielleicht leichter geworden so etwas zu verbreiten. Ich bekomme zum Beispiel alle paar Wochen eine Mail in der mich jemand vor dem "Good Times"Virus warnt. Dabei ist ja im Prinzip die Warnung der eigentliche Virus, da er Zeit und Bandbreite kostet.