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Anarchie und Diktatur - virtuelle Gemeinschaften bevölkern das Netz
-- Von Timo Lüge --
| Professor Peter Kollock, 34, untersucht als Sozialpsychologe an der Universität von Kalifonien (UCLA) warum Menschen innerhalb einer Gemeinschaft zusammenarbeiten und wie Konflikte entstehen. Er ist Co-Direktor des "Center for the Study of Online Community" und beschäftigt sich vor allem mit Gemeinschaften in virtuellen Welten. Im Februar war er auf einer Vortragsreihe mit dem Titel "Online bist Du nie allein" in Deutschland unterwegs. Im Herbst erscheint sein nächstes Buch "Communities in Cyberspace". Für seine Arbeit wurde er unter anderem mir dem "Advancement of the Discipline"-Preis der "National Science Foundation" ausgezeichnet. |
Warum gehen Leute in künstlichen Welten?
Menschen sind vor allem soziale Wesen. In diesen künstlichen Welten können sie ihr soziales Netzwerk erweitern, unabhängig von geographischen Grenzen. Im Gegensatz zu textbasierenden Chat-Foren haben die Menschen hier einen Körper, ihren "Avatar", den sie innerhalb bestimmter Grenzen definieren können. Sie können sich einen Körper, einen Kopf, Kleidung etc. aussuchen. Und viele Menschen verbringen sehr viel Zeit damit.
Wie kann in der Anonymität des Internet eine Gemeinschaft entstehen?
Eine gleichbleibende Identität ist ein ganz wesentlicher Faktor für das bestehen von erfolgreichen Online-Gemeinschaften. Es ist wichtig, daß die Identität der Einwohner einer solchen künstlichen Welt nicht willkürlich geändert werden kann. Dabei ist es unwichtig, was für eine Identität man sich anfangs zulegt. Aber Leute wollen sich gegenseitig widererkennen.
Besteht nicht die Gefahr, daß sich jemand in der Online-Welt verliert?
Die Frage ist, ob das so schlimm ist. Viele Leute, besonders in Großstädten sind ungeheuer allein. Das will man oft nicht wahrhaben. Warum sollen sie nicht online Freunde gewinnen? [Die amerikanische Soziolgen] Sherry Turkle hat in "Life on Screen" einen Jungen mit den Worten zitiert: "Das Wirkliche Leben ist nur ein weiteres Fenster. Und normalerweise nicht mein Bestes".
Und das ist gut?
Es ist ungeheuer arrogant diesen Menschen das nehmen zu wollen. Wer soll denn bestimmen was deine primäre Identität ist? Vor allem Leute, die aus welchem Gründen auch immer, nicht viel weggehen können, können sich hier ein soziales Netzwerk aufbauen. Und man entwickelt wirklich sehr enge Freundschaften online. Die Menschen erfahren dort wichtige soziale Unterstützung.
Was für Menschen suchen online nach Hilfe?
Zum Beispiel Krebspatienten, Alzheimerpatienten, oder Menschen, die sich um Alzheimerpatienten kümmern und mitten in der Nacht mit jemandem reden müssen. Oder Eltern, wenn es Probleme mit den Kindern gibt. Hin und wieder haben Menschen sich in Onlinediskussionen sogar mit Selbstmordversuchen auseinandergesetzt und sie so verarbeitet.
Als ein Kriterium für erfolgreiche künstliche Gemeinschaften nennen Sie Rituale.
Ja, die Einwohner - und als solche bezeichnen sie sich - entwickeln Bräuche. Zum Beispiel heiraten manche online und tragen fortan die gleichen Kleider um ihre Zusammengehörigkeit zu zeigen. Das wirft interessante Fragen auf: Ist man Polygam, wenn man online mit jemand anderem verheiratet ist als im "richtigen Leben"? Sollte es dem Partner etwas ausmachen
Im Lamda-Moo, einer auf Text basierenden Welt, gab es die erste virtuelle Vergewaltigung. Hier verschaffte sich ein User Supervisor-Rechte, übernahm so zwei weiblichen Teilnehmern und konnte mit ihnen anstellen was er wollte. Diese beiden Frauen konnten sich nur entsetzt aus der Welt ausklinken. Wie sollten virtuelle Gemeinschaften mit so etwas umgehen?
Das hat damals eine große und hitzige Debatte ausgelöst, zum Beispiel darüber ob man es überhaupt als Vergewaltigung bezeichnen kann und wie man darauf reagiert. Eines ist aber klar: Selbst wenn physische Gewalt unmöglich ist, gibt es doch sehr wohl symbolische Gewalt. Und symbolische Gewalt kann unheimlich verletzend sein und man kann es nicht einfach damit wegwischen, daß es nur ein symbolischer Angriff ist.
Wie können Onlinegemeinschaften Konflikte lösen?
Ich hätte gerne eine Reihe verschiedener Instrumente zur Konfliktbekämpung aus der jede Gemeinschaft sich eines aussuchen kann. Das Problem ist, daß wir zur Zeit noch nicht viele Möglichkeiten gefunden haben. Konflikte werden meist durch Erschöpfung gelöst; also dadurch, daß man ein Problem so lange durchkaut bis es keiner mehr hören kann. Im Moment versuchen die ersten Gemeinschaften, die Institutionen zu schaffen um mit Konflikten umzugehen, zum Beispiel durch die Bennung eines Schlichters oder Moderators. Das ist eine feine Sache, solange man mit dem Moderator übereinstimmt. Das Problem ist, wenn man das nicht tut. Leider ist das Internet zur Zeit keine besonders demokratische Angelegenheit. Ich schätze 90 Prozent sind entweder Anarchie oder Diktatur. Fest steht: Die Herausforderungen, die das Internet an uns stellt sind sozialer Natur und nicht technisch.
Wie hat sich Ihr Leben verändert, seitdem Sie online sind?
Per Email habe ich einen wesentlich intensiveren Kontakt mit vielen Leuten. Freunde, die früher einen oder zwei Breife pro Jahr bekommen haben, kriegen jetzt täglich Post von mir. Auch meine Mutter hört viel öfter von mir. Sie hat sich immer beschwert, daß ich so selten anrufe. Da hab ich zu ihr gesagt: "Besorg Dir doch ‘ne Email-Adresse."
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