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Brüchiger Frieden in Nordirland
-- Von Timo Lüge --=
Zwischen der protestantischen Shankill-Road und der katholischen Falls Road liegen nur wenige Meter. Zwei, maximal drei Minuten braucht ein Fußgänger um die Strecke zurückzulegen. Das Erstaunliche ist, dass es diese Fußgänger gibt. Einer, vielleicht zwei pro Stunde. An Spitzen bewehrten Zäunen entlang, die 4,5 Meter hohe Mauer der "Peace Line" stets im Blick, gehen sie auf eines der wenigen Tore zu, die in dem Wall aus Stahl und Beton klaffen. Während der ganzen Zeit in der Gewissheit von den Blicken der Soldaten in ihren Wachtürmen und den elektronischen Augen der Kameras beobachtet zu werden.
Vor einem Jahr hätte dieser kurze Spaziergang noch tödlich enden können. Denn wer von der Shankill in die Falls Road geht, wechselt mehr als nur einen Stadteil. Er betritt ein anderes Land.
Shankill Road, das ist protestantisches West-Belfast, das ist Großbritannien. Hier herrschen die protestantischen Paramilitärs. Hier kämpfen und sterben die Menschen für den Verbleib Nordirlands im Vereinigten Königreich und trinken abends auf das Wohl der Königin.
Anders hingegen die Falls-Road. Hier hat die Irisch Republikanische Armee (IRA) das Sagen und irische Flaggen wehen über den Dächern. Die Menschen lernen Gälisch in der Schule oder in Abendkursen und kämpfen dafür "die verdammten Briten" aus Irland zu vertreiben. Noch vor einem Jahr beobachteten Scharfschützen beider Seiten diese "Grenze" inmitten Belfasts. Stets auf der Hut vor Armee und Militär, wachsam um Terrorkommandos der Gegenseite rechtzeitig zu stoppen.
Armut überwindet Grenzen und kann doch nicht verbinden
Ein Jahr nachdem die Paramilitärs die Waffen niedergelegt haben, trauen sich die ersten Menschen in, was bis vor kurzem noch verbotenes Gebiet war. Kurioser Weise sind es in erster Linie die Ärmsten, die bei denen der Hass oft am tiefsten sitzt, die den Schritt auf die andere Seite wagen. Nicht aus dem Wunsch heraus die "Feinde" kennen zulernen oder aus Neugierde, sondern aus finanzieller Not. In West-Belfast liegt die Arbeitslosigkeit bei über 70 Prozent. Viele Familien sind bereits in der vierten Generation arbeitslos. Da zählt jeder einzelne Penny, und wer weiß - vielleicht gibt es im anderen Teil Belfasts ja diese Woche ein Sonderangebot. Wohl fühlen sich die Menschen dabei jedoch nicht. Hastig huschen sie auf die Tore zu. 25 Jahre Terror und Gewalt haben sie gelehrt, dass ein sich bewegendes Ziel schwerer zu treffen ist und die Waffen schweigen erst zu kurz, als dass die Menschen ihre Gewohnheiten geändert hätten.
Ein Jahr Waffenstillstand in Nordirland - das bedeutet nicht Frieden. Erst letzten Sonntag kam es zu Ausschreitungen zwischen protestantischen Unionisten, so genannt weil sie für den Verbleib Nordirlands in der Union eintreten, Katholiken und der Nordirischen Polizei - der Royal Ulster Constabulary (RUC). Die Polizei setzte Gummigeschosse ein, Steine und Flaschen flogen. Zwanzig Zivilisten und zwölf Polizisten wurden verletzt.
Auslöser für die Ausschreitungen war ein Marsch der Unionisten durch katholisches Gebiet. Sie wollten einmal mehr daran erinnern, dass eine Armee des katholischen König James vor über 300 Jahren geschlagen wurde. Hunderte solcher Märsche werden jedes Jahr abgehalten. "Eine bewusste Provokation", finden viele Katholiken, "ein Teil unsere kulturellen Tradition als Briten und ein Zeichen unserer Verbundenheit mit Großbritannien", sagen hingegen die Unionisten.
Keine Angst mehr vor den Nachrichten
Viele sehen in den Märschen eine Gefahr für den Friedensprozess. "Wenn die Märsche beginnen schalten die Leute das Hirn aus. Dann ist wieder alles wie früher. Die Protestanten marschieren und grölen ihre Parolen, während sie durch unsere Gebiete ziehen. Vorbei an den Häusern von Müttern und Vätern, die ihre Kinder durch Bomben und Attacken dieser Leute verloren haben. Wie soll da Frieden entstehen?" fragt die 24jährige Aoife Brice. Was ihr der Waffenstillstand gebracht hat? "Finanziell nicht viel. Meine Brüder sind immer noch arbeitslos. Aber ich brauche jetzt keine Angst mehr haben, dass es sich um eine Bombe handeln könnte, wenn ein fremdes Auto in unserer Straße parkt. Und wenn ich abends die Nachrichten anschalte muss ich mir keine Sorgen darum machen, dass sie vom Tod eines Freundes berichten könnten. Auch unser Haus ist nicht mehr durchsucht worden und wir wurden nicht mehr von der Polizei oder Soldaten gefilzt."
Vetrauenbildene Maßnahme: Hüte statt Helme
Die Soldaten sind verschwunden. Das ist der sichtbarste Wandel gegenüber früher. Natürlich sind sie nicht wirklich weg, sie patrouillieren nur nicht mehr die Straßen, sondern sitzen in den Kasernen und unsichtbar, hinter verdunkeltem Glas verborgen, in ihren Wachtürmen. Die erste vertrauensbildende Maßnahme der britischen Regierung war ironischer Weise ihnen die Helme wegzunehmen und diese durch Barette zu ersetzen. Selbst die Polizisten tragen keine kugelsicheren Westen mehr und führen nur noch Pistolen mit sich, keine schweren Gewehre mehr. Und obwohl die schweren gepanzerten Polizeifahrzeuge immer noch das Straßenbild dominieren, werden vereinzelt Autos und sogar Motorräder eingesetzt.
"Vor dem Waffenstillstand dauerte es manchmal bis zu einer Stunde, bis wir auf einen Hilferuf antworten konnten", berichtet Superintendent Jim Nairns, "es hätte ja schließlich eine Falle sein können. Das heißt wir mussten immer erst Armee-Unterstützung anfordern und manche Gebiete ließen wir erst von einem Hubschrauber überprüfen, bevor wir uns dort hinein trauten. Heute können wir einfach losfahren."
Die Polizei: 92 % sind Protestanten
Dennoch ist die RUC nach wie vor umstritten. Viele Katholiken haben kein Vertrauen zu der Truppe, die zu 92 Prozent aus Protestanten besteht. Sinn Fein, der politische Arm der IRA, fordert ihre Auflösung. "Wenn mir etwas geklaut wird, gehe ich nur deshalb zur Polizei, weil ich das für die Versicherung brauche", erzählt Padraig O‘Reilly, 35. "Wenn ich will, das der Kerl geschnappt wird, wende ich mich an Sinn Fein. Die kriegen ihn schon."
Was dann passiert nennt die 33jährige Uma Gillespie, Sprecherin für Sinn Fein, "sich um asoziale Elemente kümmern." Was genau darunter zu verstehen ist, lässt sie offen. Die Polizeistatistik zeigt, dass allein seit dem Waffenstillstand über 100, zumeist Jugendliche, mit zerschmetterten Beinen und zertrümmerten Kniescheiben in die Krankenhäuser eingeliefert wurden. Eine Praxis die von den Paramilitärs beider Konfessionen betrieben wird. Nordirland ist die Region in der EU mit der niedrigsten Verbrechensrate.
Eine der wenigen Branchen die unmittelbar von dem Waffenstillstand profitiert haben, ist der Fremdenverkehr. In der ersten Jahreshälfte stieg die Anzahl der Urlauber um 56 Prozent gegenüber dem Vorjahr, auf 156.000. Ronnie Scott, vom Nordirischen Wirtschaftsforschungszentrum geht davon aus, dass durch den Frieden allein in den nächsten fünf Jahren bis zu 35.000 Arbeitsplätze entstehen könnten, falls der Waffenstillstand hält - falls.
Gegenseitige Schuldzuweisungen
Zweifel darüber ist angebracht. In den letzten Wochen stieg bei vielen Bewohnern Nordirlands die Frustration über den schleichenden Verlauf der Friedensprozesses. 12 Monate nach in Kraft treten des Waffenstillstandes gibt es immer noch keine All-Parteien-Gespräche. Die Schuld dafür versucht einer dem anderen in die Schuhe zu schieben. Die britische Regierung beharrt darauf, dass Sinn Fein erst dann einen Platz am Verhandlungstisch bekommt, wenn die IRA alle Waffen abgegeben hat. Sinn Fein hingegen behauptet, dass dies in den geheimen Vorverhandlungen, die dem Waffenstillstand voraus gegangen sind, nie zur Bedingung gemacht wurde.
Am Montag trat zudem der Parteivorsitzende der größten Partei Nordirlands, der "Ulster Unionist Party" (UUP), Jim Molyneaux, nach 16 Amtsjahren, überraschend zurück. Offizielle Begründung: Sein 75. Geburtstag. Da aber sogar enge Parteifreunde von dem Schritt Molyneauxs vollkommen überrascht wurden, gehen politische Kommentatoren davon aus, dass er dem Druck seiner Kritiker schließlich nachgegeben hat. Ihm wurde eine zu nachgiebige Haltung gegenüber den nordirischen Nationalisten vorgeworfen.
Viele Menschen hatten sich mehr erhofft vom Waffenstillstand. "Zu wenig" schreien nun viele Katholiken, während bei den Protestanten die Angst wächst, dass London sie an die Irische Republik "ausliefern" könnte.
Abends im Pub halten viele eine Rückkehr zur Gewalt für wahrscheinlich. "Noch vor Weihnachten" ist der am häufigsten genannte Zeitraum. Selbst die Ankündigung von Nordirlandminister Patrick Mayhew, die Haftstrafen für terroristische Verbrecher um 50 Prozent zu senken, wurde nur mit wenig Begeisterung aufgenommen. "Zu wenig und zu spät" urteilte sogar die Regierung in Dublin.
Es mag kein Krieg mehr herrschen in Nordirland - Frieden ist es allerdings noch lange nicht.
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