Lügengeschichten - das Portfolio von Timo Lüge
Lebenslauf / CV
Diplomarbeit / Thesis
Artikel / Articles
Artikel für die Deutsche Presseagentur (dpa)
Archiv: Texte sind nicht aktuell!
<- Zurück

DATU: 31Mrz96
bay020 4 vm 388 lby 024
Drogen/Jugend/KORR/
* inla just gebe

"Voll die Maldröhnung"

Von Timo Lüge, dpa =

München (dpa/lby) - "Ja, was geht'n hier ab?" Verblüfft betrachtet der 18jährige den Nebenraum der Münchner Großdisko "Terminal", in dem "Mind Zone", das neueste bayerische Drogenpräventionsprogramm, Stellung bezogen hat. Wie auch tausende anderer Jugendlicher war er am Samstag mit kurzen gebleichten Haaren und Kapuzenpulli gekommen, um Techno-Guru Sven Väth zu erleben. Daß er jetzt auf einmal malen soll, bringt ihn sichtlich aus dem Konzept. "Ne, laß mal gut sein", sagt der Raver zu der feundlichen Mitarbeiterin vom "Mind Zone".

Doch innerhalb weniger Minuten füllen sich die Plätze vor den 20 Zeichenmappen. "Ich leg Euch jetzt allen einen Bleistift 5H hin", ruft Christoph Thomas von der Gesellschaft zur Förderung der Kunst- und Kulturtherapie den Jugendlichen zu. Auf einem Podest in der Mitte des Raumes hat inzwischen ein zirka 35 Jahre alter Mann mit weiß bemaltem Gesicht Platz genommen. Kopf und Füße steckt er durch eine große Holzstaffelei. "Ok, Ihr habt zehn Minuten Zeit", ruft Thomas. Nach zehn Minuten ändert das Modell seine Haltung.

"Ok, neues Blatt. Ihr habt fünf Minuten Zeit." Und während die Raver sich noch auf die neue Situation einstellen, läuft Thomas durch die Reihen und kippt auf jedes Blatt einen Klecks Öl. "Ok, jetzt mit den Fingern weiter, Ihr habt drei Minuten". Immer kürzer werden die Abstände, zwischen denen sich etwas verändert. Thomas legt einen weiteren Bleistift hin, haut rote Farbe auf die Bilder. Ziel des ganzen sei, "den Jugendlichen eine alternaive Möglichkeit zu zeigen, loszulassen, ohne den Intellekt beteiligen zu müssen", erklärt Thomas.

Der bayerischen Sozialministerin Barbara Stamm (CSU) , die zur Eröffnung von "Mind Zone" gekommen war und leicht verwirrt auf ihrem Zeichenblock malt, fällt das sichtlich schwer. "Weißt, alle kritzeln da so drauf los, und sie ist voll das oberkorrekte Teil", lästert ein Junge gegenüber seiner Freundin. Daß Stamm nachts um zwölf überhaupt ins "Terminal" gekommen ist, findet er aber auch"echt korrekt".

"Ok, jetzt legt alles weg, und jeweils eine Sitzreihe geht an eine der großen Leinwände. Malt einfach drauf' los. Malt was Ihr wollt. Mit Händen, Pinseln, Füßen. Los, los, los." Als hätten sie ihr Leben lang nichts anderes gemacht, stürzen sich die Kids auf Farben und Leinwände. "Das ist total geil, voll die Maldröhnung" ruft einer.

An den Kreis der Neugierigen haben "Mind Zone"-Mitarbeiter inzwischen Kaugummis, Kondome und Ohrstöpsel verteilt. "Unser Projekt hat hauptsächlich einen präventiven Ansatz: Aids, Drogen, Lärm", erzählt ein 24jähriger Student, der zusammen mit der Caritas an der Entwicklung des Projektes mitgearbeitet hat. Die "Künstler" haben sich inzwischen die Farben wieder von den Händen gewaschen. "Geil war's" ruft ein wasserstoffblondes Mädchen mit Kunstfell-Stola auf die Fragen der versammelten Journalisten, schnappt ihren Freund und geht zurück zu DJ Sven Väth - abtanzen.

dpa/lby ho ma db
311254 Mrz 96

<- Zurück