Von Timo Lüge, dpa
(Feature - 65 Zeilen) =
Stockholm (dpa) - Das Schlaraffenland wird scharf bewacht. Mißtrauisch beäugen Sicherheitsleute in grauen Uniformen die zumeist jungen Leute, die an Bord der "Silja Scandinavia" drängen. "Altersgrenze für Rundfahrten am Wochenende: 20 Jahre" steht in Schwedisch und Finnisch über
dem Eingangstor zu dem 168 Meter langen Kreuzfahrtschiff, das Tag und Nacht zwischen
Schweden und Finnland unterwegs ist. An diesem Freitag abend geht die Reise von Stockholm nach
Turku. Für zwei Jungen ist der Wochenendausflug schon um 19.40 Uhr, kurz vor Ablegen des
Schiffes, zu Ende.
Nachdem einer der Wächter über das alkoholbeladene Schiff in ihre Ausweise geguckt hat, werden
sie wieder nach Hause geschickt. Sie sind gerade 18 geworden. Doch an diesem Tag hilft ihnen
auch ihre Volljährigkeit nicht. Und während der Traum vom Wochenende mit billigem Alkohol für
die beiden geplatzt ist, stürmen zahlreiche Altersgenossen das Schiff - froh, der Ausweiskontrolle
entgangen zu sein.
Aber es sind nicht nur junge Leute, die jedes Wochenende auf die Fähren steigen, um den billigen
Alkohol zu genießen. Vom Teenie, der mit seinen Eltern unterwegs ist, bis zum Rentnerpaar, das mal
wieder was unternehmen will, sind sämtliche Altersschichten vertreten. Fast neun Millionen
Passagiere, das ist mehr als die gesamte Bevölkerung Schwedens, beförderten die beiden großen
Fährgsellschaften Silja und Viking im vergangenen Jahr zwischen Finnland und Schweden; rund ein
halbes Prozent weniger als 1994. Das "Estonia"-Fährunglück hat das Vertrauen vieler Schweden und
Finnen in die Schiffahrt erschüttert. "Rund 70 Prozent der Passagiere fahren ohne Aufenthalt im
anderen Land wieder mit derselben Fähre zurück oder bleiben nur wenige Stunden bis zum
nächsten", schätzt eine Sprecherin der Viking-Linie.
An Bord angekommen, steuern die meisten direkt zum Duty-Free-Laden. Bereits bevor das Schiff
abgelegt hat, bilden sich Schlangen vor den noch geschlossenen Türen. Und an den Kassen trennen
sich die Klassen. Während die Wohlhabenden mit ihrer Duty-Free-Plastiktüte und Handy ins
Schiffsrestaurant steuern, wo selbst ein Cheeseburger mit Pommes umgerechnet knapp 15 Mark
kostet, scharen sich die Deckspassagiere um die niedrigen Tische in den Aufenthaltsräumen und
packen die mitgebrachten Brötchen aus.
Trotz des immensen Alkoholkonsums gebe es kaum Probleme mit betrunkenen Gästen, erzählt der
Hotelmanager des Schiffes, Hans Catani. Lediglich drei Sicherheitsleute benötige er pro Nacht.
Wegen einiger hundert Hockey-Fans, die von der Weltmeisterschaft im Universal-Hockey in
Stockholm zurückkommen, sind es in dieser Nacht vier. Daß Finnland gegen Schweden 5:0 verloren
hatte und "nur" Vizeweltmeister geworden ist, spielt keine Rolle. "Viele waren während des Spiels
schon so betrunken, daß sie gar nicht mitbekommen haben, wer gewonnen hat", vermutet ein Fan.
Kaisa Vinnunen gehört zu den Stammgästen auf der Linie Stockholm-Turku. Die in Stockholm
lebende Studentin fährt durchschnittlich einmal pro Monat nach Finnland, um ihre Eltern zu
besuchen. "Natürlich nervt es manchmal, wenn alle betrunken sind. Aber oft lernt man auch lustige
Leute kennen. Nüchterne Leute, meine ich", erzählt sie kurz vor Mitternacht. Vor ein paar Stunden
hat sie einen jungen Deutschen getroffen, mit dem sie sich für den nächsten Tag verabredet hat.
Solche Verabredungen sind die Ausnahme auf den Kreuzfahrtschiffen. Die meisten
Reisebekanntschaften werden nur für eine Nacht geschlossen und schnell wieder vergessen. "Man
will einfach nur Spaß haben", erzählt Erik (25). Kondome müssen hoffnungsvolle Reisende jedoch
selber mitbringen. Obwohl es Deodorants, Parfüm und Unterwäsche in den Boutiquen des Schiffes
im Überfluß gibt, sucht man Verhütungsmittel vergebens.
Als gegen halb vier Uhr morgens die Borddisko schließt, sind vor allem noch einsame
Deckspassagiere auf der Tanzfläche, die sich nun eine Ecke, eine Fensterbank oder einen Stuhl zum
Schlafen suchen. Es ist ein kurzer und wenig erfrischender Schlaf. Denn bereits zwei Stunden später
fängt das Reinigungspersonal an, die Decks und Kabinen zu säubern. Für die nächsten Passagiere,
die nach nur einer Stunde Aufenthalt das Schiff entern, um ihre eigene kleine Party zu feiern. Und
während die einen noch müde, den Handkarren mit den zwei Paletten Bier hinter sich herziehend,
auf dem Weg nach Hause sind, stehen die anderen bereits vor den Türen des Duty-Free-Shops.