von Timo Lüge, dpa =
München (dpa/lby) - Mit gedämpften Stimmen unterhalten sich die Menschen, die 35 Meter über
dem Münchner Straßenlärm, durch das Halbdunkel huschen. Nur schemenhaft können sie sich
erkennen. Dennoch herrscht auf eine seltsame Art und Weise Vertrautheit zwischen den Leuten, die
sich noch nie zuvor begegnet sind. Was sie verbindet, ist der Komet Hyakutake. Um ihn zu erleben,
sind sie am Samstag abend auf das Dach der Volkssternwarte geklettert.
Andächtig schauen sie in den Himmel, um dort durch den Großstadtdunst den kosmischen
Riesenschneeball zu sehen. Gleichzeitig läutet am Empfang permanent das Telephon. "Wissen Sie
wo der 'Große Wagen' ist?", fragt die Kassiererin freundlich in die Muschel. "Ja genau, dieses große
Ding mit den vier Sternen. Wenn Sie da jetzt die Deichsel - ham Sie die? - mit dem Auge
entlangfahren und verlängern, dann sehen Sie so einen nebligen Fleck. Genau. Das isser." Seit zwei
Wochen steht das Telephon nicht mehr still. Bis zu vierhundert Anrufer wollen Tag für Tag wissen,
wo sie nach dem Kometen suchen müssen. Manche suchen schon zur Mittagszeit.
Im Planetarium und dem Vortragssaal geben Mitarbeiter der Volkssternwarte kleine Einführungen in
die Astronomie. "Normalerweise haben wir so 20 bis 30 Besucher am Abend. Jetzt sind es schon
über 150", entschuldigt sich Hans-Georg Schmidt für die Platznot. Anschließend erzählt er den
Besuchern die Geschichte der Sternbilder und zeigt den Sternenhimmel, wie er außerhalb der
Münchner Dunstglocke zu sehen wäre. "In München ist das alte Kinderlied 'Weißt Du wieviel
Sternlein stehen' leicht zu beantworten. Nämlich maximal hundert."
Natürlich erklärt er auch, woher Hyakutake kam und wo er die nächste Woche noch zu sehen sein
wird. Danach verschwindet der Komet für die nächsten 30 000 Jahre aus dem nördlichen
Sternenhimmel. "Die erste Woche, nachdem er entdeckt wurde, hatten wir schon ein bißchen
schweißnasse Hände", sagt Schmidt. Denn nach astronomischen Maßstäben rast der elf Kilometer
breite Komet haarscharf an der Erde vorbei. Hätte er sich um nur 60 Stunden verspätet, würde er
auf der Erde einschlagen. "Und dann hätten die Überlebenden die Toten beneidet", vermutet
Schmidt. Das letzte Mal gab es so einen Einschlag vor 65 Millionen Jahren. "Das war's dann für die
Dinos".
Aber auch die Vorstellung der kosmischen Apokalypse kann den Sternguckern den Spaß an "ihrem" Kometen nicht verderben. Geduldig stehen sie an den drei Teleskopen der Sternwarte an, um
Hyakutake aus der Nähe zu betrachten. Schmidt macht sich indes fertig, um zur Arbeit zu gehen. Er
ist hauptberuflich Fluglotse am Münchner Flughafen, "den Blick immer nach oben gerichtet."