Von Timo Lüge, dpa
(Mit Bild MUN04) =
München (dpa/lby) - Mit einer Isomatte und fünf Wolldecken unter dem Arm macht sich die
rothaarige Austalierin Julie in München auf zu ihrem Schlafplatz. Ihr Blick schweift durch das 600
Quadratmeter große Bierzelt, bis sie achselzuckend einen leeren Flecken auf den Holzboden
ausgesucht hat. Lässig wirft sie ihren Rucksack zwischen die mehr als 100 Rucksacktouristen aus
aller Welt, die sich bereits unter der weißen Zeltplane für die Nacht breit gemacht haben.
Zwischen 10 000 und 15 000 junge Reisende schlafen jedes Jahr in `The Tent" (Das Zelt), dem
internationalen Übernachtungslager im Norden Münchens. Für 13 Mark gibt es hier von Juni bis
Anfang September ein trockenes Plätzchen auf dem Boden, inklusive Frühstück. Die Nacht in einem
Bett kostet 17 Mark. Bis zu vierhundert Globetrotter zieht das luftige, trockene und unter
Jugendlichen begehrte Quartier des Kreisjugendrings München Nacht für Nacht an.
`Es ist toll", schwärmt ein junger Amerikaner, während er zwischen dreckigen Socken und
weintrinkenden Italienern sein Käsebrot auspackt. `Es ist billig, du lernst viele Leute kennen und es
ist alles da, was man braucht: Warmes Wasser, eine Kochnische, Bier". Darüber hinaus betreiben
die 30 Mitarbeiter des Jugendlagers auch noch einen Fahrradverleih, eine kleine Kantine,
organisieren Stadtführungen und kennen die Wegbeschreibung zum Hofbräuhaus im Schlaf.
`Es macht total Spaß", erzählt Heidi Schmidt (23), die bereits seit vier Jahren in ihren
Sommer-Semesterferien im Jugendlager jobbt. `Die Leute sind lustig und relaxed." Außer von dem
günstigen Übernachtungspreis werden viele Reisende auch davon angezogen, daß es im Zeltlager
kaum Regeln und keine Sperrstunde gibt, mutmaßt Heidi.
Von dieser Atmosphäre profitieren junge Reisende bereits seit 1972. Damals wurde `The Tent"
erstmals aufgestellt, um während der Olympischen Spiele ein Zusatzquartier zu schaffen. Da sich die
Idee bewährt hatte, wurde das Projekt weitergeführt und bietet seitdem eine Ausweichmöglichkeit
zu den überlaufenen Münchner Jugendherbergen.
Bei Lagerfeuerromantik und Öko-Bier tauschen vor allem Australier und Amerikaner jeden Abend
Reisetips und Adressen aus. Davon zeugen auch das Gästebuch und das Schwarze Brett an der
Rezeption. `Chris, ich konnte Dich am Morgen nicht finden. Ruf mich doch an, wenn Du nach
England kommst." Einziger Wermutstropfen: Unter so vielen Schläfern gibt es immer ein paar
Schnarcher. Einer hat für diesen Fall schon mit Ohrstöpseln vorgesorgt.
Morgens um sieben schälen sich die ersten aus den Decken und Schlafsäcken. Von neun bis fünf ist
das Zeltlager geschlossen. Julie hat sich unterdessen entschlossen, trotz Dauerregens einen weiteren
Tag in München zu bleiben. Für die nächste Nacht will sie sich allerdings sechs Decken geben
lassen, es war ihr immer noch zu kalt.