Von Timo Lüge, dpa =
München (dpa/lby) - "Hauptzollamt München, Verwertungsstelle, Vodkaähnliche Spirtituosen, ausl.
Erzeugnis, 40 Prozent, 0,5 Liter", so steht es auf 300 Flaschen, die in der sieben Meter hohen,
weißgetünchten Halle des Münchner Zolls darauf warten, einen neuen Besitzer zu finden. Wenige
Schritte daneben liegen einige hundert Hemden, russische Ferngläser, ein Fax, Spielzeugautos,
Tee-Tassen, CDs, Strumpfhosen.
Hinter den Sachen, die alle paar Monate bei den Auktionen des Münchner Zolls unter den Hammer
kommen, stecken interessante Geschichten. Elmar Berndt kennt viele davon, denn bei ihm werden
die Gegenstände angeliefert. Er läßt sie auf ihren Wert schätzen und gibt sie zur Versteigerung
heraus. Erzählen darf er diese Geschichten jedoch nicht, denn dann würde herauskommen, daß
Johanna Müller aus Kempten versucht hat, Schnaps zu schmuggeln, und daß die Firma Meier aus
Passau es mit dem Zoll nicht so genau nimmt. Aber auch gepfändete Tische und Stühle landen bei
ihm, falls jemand das zuviel bezogene Arbeitslosengeld nicht zurückzahlen kann, genauso wie vom
Staat ausrangierte Schreibmaschinen und sogar Autos.
"Früher haben wir auch geschmuggelte Zigaretten versteigert. Aber das ist jetzt nicht mehr erlaubt",
erzählt Berndt. Rund fünf Millionen Glimmstengel müssen er und seine Mitarbeiter seitdem pro Jahr
im Heizkraftwerk in die Flammen werfen - "eigenhändig, damit sich keiner dran vergreift." Ähnlich
ergeht es Gegenständen, deren Besitz in Deutschland strafbar ist. Jedes Jahr landen bei Berndt
neben raubkopierten Kassetten und gefälschten Marken-Jeans auch die Übberreste geschützter
Tiere, wie zum Beispiel Barhocker aus Elefantenfüßen und Aschenbecher aus Babykrokodilen.
Die Auktionen des Zolls haben sich zu einer Art Geheimtip entwickelt, denn sie werden nur am
vorrausgehenden Wochende in den Zeitungen angekündigt. "Viele kommen immer wieder", erklärt
Rolf Wundrack vom Hauptzollamt, "die haben das schon im Gefühl, wann wieder eine Versteigerung
ist. Zum Beispiel kurz vor Weihnachten." Neben vielen Privatleuten kommen vor allem Händler, die
sich hier billig und völlig legal mit geschmuggelten Lederjacken und Ähnlichem eindecken können.
"Wir hatten hier sogar schon ungeschliffene Diamanten aus Südafrika", erzählt Wundrack.
Mit Juwelen konnte der Zoll bei seiner letzten Versteigerung nicht aufwarten. Das Prunkstück war
aber mindestens genauso teuer: ein kompletter Sattelschlepper. Der Zuschlag erfolgte bei 101 000
Mark - bar auf die Hand. Solche Summen sind jedoch die große Ausnahme. Dennoch kommen im
Jahr zwischen einer halben Millionen und 750 000 Mark zusammen. Der Zoll behält von dem
ersteigerten Geld nur die tatsächlichen Schulden sowie eine Bearbeitungsgebühr. Den Gewinn
bekommen die Schmuggler und Schuldner. Die haben auch die Möglichkeit ihre Sachen bis zu dem
Moment auszulösen, an dem sie unter den Hammer kommen. Der Besitzer einer schwarzen
Steroanlage schaffte das nicht mehr. Sie ging für 300 Mark weg, im Kassettenspieler steckte noch
ein Band: "Bonnie Tyler - Angel Heart".